Eine industrielle Waage wird morgens eingeschaltet. Direkt danach zeigt sie unbelastet beispielsweise 0,00 kg. Zehn Minuten später steht die Anzeige bei +0,18 kg, obwohl weder die Plattform berührt noch das System mechanisch verändert wurde. Nach einem erneuten Nullstellen erscheint die Anzeige wieder korrekt. Ist die Wägezelle defekt?
Nicht zwangsläufig. Eine Wägeeinrichtung besteht aus mehreren Komponenten, deren elektrische und mechanische Eigenschaften temperaturabhängig sind. Nach dem Einschalten stabilisieren sich unter anderem Spannungsversorgung, Referenzspannung, DMS-Brückenspeisung, Messverstärker und A/D-Wandler. Gleichzeitig kann sich auch die Wägezelle durch ihre elektrische Speisung geringfügig thermisch verändern.
Zusätzlich gehört die Mechanik zur Messkette. Plattform, Behälter, Rahmen, Montageelemente, Rohrleitungen und Wägezellen besitzen unterschiedliche Wärmekapazitäten und Wärmeausdehnungskoeffizienten. Ein stabiler elektrischer Verstärker bedeutet deshalb noch nicht automatisch, dass die komplette Waage bereits thermisch stabil ist.
Die richtige Frage lautet deshalb nicht einfach: „Wie viele Minuten muss eine Wägeelektronik aufwärmen?“ Entscheidend ist, wann die komplette Messkette unter den tatsächlichen Betriebsbedingungen ausreichend stabil ist, damit Nullstellung, Justage und hochgenaue Messungen reproduzierbar durchgeführt werden können.
Warum verändert sich eine Waage nach dem Einschalten?
Eine Wägezelle mit Dehnungsmessstreifen liefert typischerweise ein sehr kleines elektrisches Signal. Bei einer Empfindlichkeit von beispielsweise:
2 mV/V
und einer Speisespannung von:
10 V
beträgt die Signaländerung zwischen Null und Nennlast lediglich ungefähr:
20 mV
Die Wägeelektronik muss innerhalb dieses kleinen Spannungsbereiches sehr geringe Signaländerungen zuverlässig erfassen.
Bereits kleine thermisch verursachte Veränderungen von:
- Brückenspeisung,
- Verstärkung,
- Offsetspannung,
- Referenzspannung,
- Kontaktwiderständen oder
- DMS-Widerständen
können deshalb als sichtbare Gewichtsänderung erscheinen.
Moderne Wägeelektroniken und temperaturkompensierte Wägezellen reduzieren diese Effekte stark. Vollständig verschwinden thermische Einflüsse jedoch nicht.
Was muss sich in der Wägeelektronik stabilisieren?
Eine moderne Wägeelektronik enthält mehrere für die Messung relevante Baugruppen.
Dazu gehören typischerweise:
- Spannungsversorgung,
- Wägezellenspeisung,
- Referenzspannungsquelle,
- Instrumentenverstärker,
- Filter,
- A/D-Wandler,
- Temperaturkompensation und
- digitale Signalverarbeitung.
Nach dem Einschalten erwärmen sich elektronische Bauteile durch ihre eigene Verlustleistung. Widerstände, Referenzspannungen und Verstärker besitzen kleine Temperaturkoeffizienten.
Das bedeutet nicht, dass die Elektronik während dieser Phase grundsätzlich falsche Werte liefert. Die Messung kann bereits funktionieren, obwohl der endgültige thermische Gleichgewichtszustand noch nicht erreicht wurde.
Bei hohen Genauigkeitsanforderungen kann genau diese kleine verbleibende Veränderung relevant werden.
Warum kann auch die Wägezelle eine Stabilisierungszeit benötigen?
Eine klassische DMS-Wägezelle enthält eine Wheatstone-Brücke. Die Wägeelektronik legt eine Speisespannung an diese Brücke an.
Dadurch fließt Strom durch die Dehnungsmessstreifen und es entsteht eine geringe elektrische Verlustleistung.
Die Wägezelle erwärmt sich dadurch normalerweise nur geringfügig. Bei hochgenauen Messungen kann jedoch bereits eine kleine Temperaturänderung Einfluss auf:
- Nullsignal,
- Brückenwiderstände,
- Empfindlichkeit und
- mechanische Eigenschaften des Federkörpers
haben.
Die Wägezelle besitzt deshalb eine Temperaturkompensation. Restliche Temperatureinflüsse werden in den technischen Daten typischerweise als Temperaturkoeffizient des Nullsignals beziehungsweise des Kennwertes beschrieben.
„Temperaturkompensiert“ bedeutet somit nicht „vollständig temperaturunabhängig“.
Warum gehört die Mechanik zur Aufwärmzeit?
In einer realen Waage wird nicht nur die Wägezelle wärmer oder kälter.
Auch:
- Plattformen,
- Behälter,
- Rahmen,
- Rohrleitungen,
- Auflager,
- Montagekits und
- Führungen
verändern ihre Abmessungen mit der Temperatur.
Kann sich ein Behälter beispielsweise aufgrund starrer Rohrleitungen nicht frei thermisch ausdehnen, entstehen zusätzliche Kräfte. Diese können von der Wägezelle als scheinbare Gewichtsänderung erfasst werden.
Eine Wägeelektronik kann elektrisch bereits vollkommen stabil sein, während sich der Nullpunkt der kompletten Behälterwaage aufgrund thermischer mechanischer Spannungen weiterhin verändert.
Bei der Bewertung der Aufwärmzeit muss deshalb immer das gesamte Wägesystem betrachtet werden.
Wie äußert sich thermische Nullpunktdrift?
Ein typisches Verhalten ist ein langsam wandernder Gewichtswert bei unveränderter mechanischer Last.
Ein beispielhafter Verlauf unmittelbar nach dem Einschalten könnte sein:
| Zeit nach Einschalten | Unbelastete Anzeige |
|---|---|
0 min |
0,00 kg |
5 min |
+0,11 kg |
10 min |
+0,16 kg |
20 min |
+0,18 kg |
30 min |
+0,18 kg |
Die konkreten Werte sind nur ein Beispiel. Entscheidend ist die Form des Verlaufes.
Zu Beginn verändert sich der Wert relativ deutlich. Anschließend wird die Änderung immer kleiner und der Nullpunkt erreicht einen weitgehend stabilen Zustand.
Ein solcher reproduzierbarer Verlauf nach jedem Kaltstart spricht eher für thermische Stabilisierung als für einen zufälligen elektrischen Fehler.
Kann sich auch die Empfindlichkeit verändern?
Ja. Bei einer Wägemessung müssen Nullpunkt und Empfindlichkeit getrennt betrachtet werden.
Ein System kann nach dem Einschalten beispielsweise einen wandernden Nullpunkt besitzen, während die Spannweite zwischen Null und Prüflast nahezu konstant bleibt.
Es ist aber ebenfalls möglich, dass sich die Empfindlichkeit geringfügig temperaturabhängig verändert.
Deshalb kann eine hochwertige Stabilitätsprüfung zusätzlich mit einer bekannten Referenzlast durchgeführt werden.
Beispielsweise:
- Nullwert erfassen.
- Definierte Prüflast auflegen.
- Messwert dokumentieren.
- Prüflast entfernen.
- Nullwert kontrollieren.
- Prüfung nach weiterer Stabilisierung wiederholen.
Dadurch lässt sich erkennen, ob hauptsächlich der Nullpunkt oder auch die Spanne betroffen ist.
Wie lange sollte eine Waage aufwärmen?
Für industrielle Wägeanlagen gibt es keine allgemeingültige Aufwärmzeit, die unabhängig von Gerät und Anwendung immer richtig wäre.
Die erforderliche Zeit hängt unter anderem ab von:
- Wägeelektronik,
- Wägezellentyp,
- Speisespannung,
- Wägezellengröße und thermischer Masse,
- Anzahl der Wägezellen,
- Umgebungstemperatur,
- Temperaturänderung vor dem Einschalten,
- mechanischer Konstruktion,
- geforderter Genauigkeit.
Eine kleine Plattformwaage in einem klimatisierten Labor kann sich anders verhalten als ein 50-t-Behälter, der morgens im Freien von -5 °C auf Betriebstemperatur gebracht wird.
Falls der Hersteller eine konkrete Aufwärmzeit vorgibt, ist diese einzuhalten.
Ist keine feste Zeit spezifiziert, sollte der tatsächliche Stabilitätsverlauf der eigenen Waage untersucht und daraus ein reproduzierbares Freigabekriterium entwickelt werden.
Wie lässt sich Stabilität besser als mit einer festen Zeit bewerten?
Eine feste Zeit ist einfach anzuwenden, aber messtechnisch nicht immer das beste Kriterium.
Aussagekräftiger ist die Beobachtung des Gewichtsverlaufs bei unveränderter Last.
Ein internes Freigabekriterium könnte beispielsweise lauten:
Änderung des Nullwertes innerhalb eines definierten Zeitfensters < zulässiger Grenzwert
Der konkrete Grenzwert muss zur Anwendung passen.
Für eine hochgenaue Laborwaage kann er wesentlich kleiner sein als für einen industriellen Vorratsbehälter, bei dem einige Kilogramm Abweichung innerhalb der Prozessanforderung unkritisch wären.
Wichtig ist deshalb die Kombination aus:
- definiertem Beobachtungszeitraum und
- anwendungsbezogener maximal zulässiger Drift.
Zusätzlich kann eine bekannte Prüflast verwendet werden, um zu bestätigen, dass nicht nur der Nullwert, sondern auch die Empfindlichkeit stabil ist.
Warum sollte nicht sofort nach dem Einschalten genullt werden?
Eine Nullstellung verändert nicht die physikalische Ursache der Drift.
Angenommen, die unbelastete Waage driftet nach dem Einschalten von:
0,00 kg → +0,20 kg
Wird nach fünf Minuten bei +0,10 kg genullt, zeigt die Waage zunächst wieder:
0,00 kg
Driftet das System anschließend um weitere 0,10 kg, erscheint erneut ein Nullpunktfehler.
Wird wieder genullt, wird die thermische Veränderung lediglich immer wieder verdeckt.
Für hochgenaue Messungen ist deshalb sinnvoller:
zuerst stabilisieren – anschließend nullstellen – danach messen beziehungsweise justieren.
Aufwärmzeit und Stillstandsanzeige nicht verwechseln
Viele Wägeelektroniken besitzen eine Stillstandserkennung.
Diese bewertet typischerweise, ob sich das Gewicht während eines kurzen Zeitfensters nur innerhalb einer definierten Grenze verändert.
Eine Waage kann deshalb bereits eine Stillstandsmeldung liefern, obwohl ihr Nullpunkt über einen längeren Zeitraum langsam thermisch driftet.
Beispielsweise kann die Anzeige innerhalb einer Sekunde vollkommen stabil sein und trotzdem über 20 Minuten insgesamt um 0,2 kg wandern.
Stillstand und thermische Stabilität beschreiben deshalb unterschiedliche Eigenschaften:
| Bewertung | Typischer Zeitraum | Fragestellung |
|---|---|---|
| Stillstand | kurz | Schwankt das Gewicht aktuell? |
| Thermische Stabilität | deutlich länger | Wandert der Messwert langfristig noch? |
Eine Stillstandsanzeige ist daher kein automatischer Nachweis, dass die Aufwärmphase abgeschlossen ist.
Was passiert bei großen Temperaturänderungen?
Die kritische Situation ist nicht ausschließlich der elektrische Einschaltvorgang.
Auch ein bereits eingeschaltetes Wägesystem kann seine thermische Stabilität verlieren, wenn sich die Umgebung stark verändert.
Typische Beispiele sind:
- Öffnen eines Hallentores im Winter,
- direkte Sonneneinstrahlung,
- Heißreinigung eines Behälters,
- heißes Produkt wird eingefüllt,
- kaltes Produkt wird eingefüllt,
- Motor oder Hydraulikaggregat erwärmt den Rahmen,
- Lüftung oder Klimaanlage wird ein- beziehungsweise ausgeschaltet.
Eine reine Regel „30 Minuten nach Einschalten ist die Waage stabil“ würde diese Fälle nicht erfassen.
Bei besonders anspruchsvollen Anwendungen ist deshalb die reale Temperaturhistorie wichtiger als nur die Zeit seit dem Einschalten.
Praxisbeispiel: Nullpunkt wandert nach dem Einschalten
Eine Plattformwaage mit vier Wägezellen wird jeden Morgen zusammen mit der Produktionsanlage eingeschaltet.
Der Bediener nullt die Waage unmittelbar nach dem Hochfahren.
Nach etwa 20 Minuten zeigt die leere Plattform regelmäßig:
+0,35 kg
Daraufhin wird erneut genullt.
Zunächst wird vermutet, dass eine Wägezelle beschädigt ist.
Für die Diagnose wird die Waage an mehreren Tagen nach dem Einschalten nicht automatisch genullt. Stattdessen wird der rohe Gewichtswert beziehungsweise Nullwert über die Zeit aufgezeichnet.
Dabei zeigt sich jeden Morgen ein sehr ähnlicher Verlauf:
schnelle Änderung → langsamere Änderung → stabiler Endwert
Nach der thermischen Stabilisierung bleibt das Signal bei konstanter Temperatur über längere Zeit stabil.
Anschließend wird eine bekannte Prüflast aufgebracht. Auch dieser Wert ist reproduzierbar.
Die Untersuchung spricht damit nicht für eine beschädigte Wägezelle, sondern für einen reproduzierbaren thermischen Einschwingvorgang der kompletten Messkette.
Der Betriebsablauf wird angepasst:
- Waage einschalten.
- Definierte Stabilisierung abwarten.
- Nullpunkt kontrollieren.
- Nullstellen.
- Produktion freigeben.
Dadurch wird verhindert, dass eine normale thermische Stabilisierung täglich fälschlich als Nullpunktfehler behandelt wird.
Elektronik, Wägezelle und Mechanik getrennt prüfen
Wandert ein Gewichtswert nach dem Einschalten ungewöhnlich stark, sollte die Ursache systematisch eingegrenzt werden.
Eine hilfreiche Trennung ist:
| Bereich | Mögliche Prüfung |
|---|---|
| Wägeelektronik | Eingang mit stabilem mV/V-Simulator beziehungsweise Referenzsignal prüfen |
| Wägezelle | Sensor unter definierter mechanischer Last separat beobachten |
| Mechanischer Aufbau | Rohrkräfte, Reibstellen, Führungen und thermische Verspannungen kontrollieren |
| Umgebung | Temperaturverlauf und lokale Wärmequellen dokumentieren |
Bleibt ein simuliertes DMS-Eingangssignal stabil, während die reale Waage driftet, wird ein reiner Verstärkerfehler weniger wahrscheinlich.
Driftet dagegen bereits die Elektronik mit einem stabilen simulierten Eingang, muss die Signalaufbereitung genauer untersucht werden.
Diese Trennung verhindert, dass Wägezellen vorschnell ausgetauscht werden, obwohl die eigentliche Ursache in Elektronik oder Mechanik liegt.
Wann sollte justiert oder kalibriert werden?
Eine Justage sollte grundsätzlich unter möglichst stabilen und repräsentativen Betriebsbedingungen durchgeführt werden.
Wird die Waage während einer thermischen Drift justiert, wird die momentane Kennlinie dieses noch nicht stabilen Zustandes gespeichert.
Nachdem sich Elektronik und Mechanik weiter stabilisiert haben, kann deshalb erneut eine Abweichung auftreten.
Vor einer hochwertigen Justage beziehungsweise Kalibrierung sollten deshalb:
- Elektronik stabil betrieben werden,
- Wägezellen thermisch stabil sein,
- mechanische Konstruktion ihre Betriebstemperatur erreicht haben,
- Nullpunkt ausreichend konstant sein,
- Umgebungsbedingungen dokumentiert werden.
Bei wiederkehrenden Kalibrierungen sollten möglichst vergleichbare thermische Bedingungen verwendet werden.
Systematischer Prüfablauf
- Waage mechanisch vollständig entlasten.
- Umgebungstemperatur dokumentieren.
- Wägeelektronik einschalten.
- Nicht unmittelbar automatisch nullen.
- Rohwert beziehungsweise Gewichtswert in festen Zeitintervallen dokumentieren.
- Temperaturänderungen während der Beobachtung erfassen.
- Warten, bis die Nullpunktänderung innerhalb des internen Stabilitätskriteriums liegt.
- Nullpunkt anschließend kontrolliert setzen.
- Definierte Referenzlast aufbringen.
- Messwert nach Stabilisierung dokumentieren.
- Referenzlast entfernen und Nullpunktrückkehr kontrollieren.
- Bei auffälligem Verhalten Elektronik, Wägezelle und Mechanik separat untersuchen.
- Ermittelte erforderliche Stabilisierung in die Arbeitsanweisung übernehmen.
Häufige Fehler
- Direkt nach dem Einschalten justieren: Die Messkette kann sich thermisch noch verändern.
- Jeden wandernden Nullpunkt sofort erneut nullen: Dadurch wird die Drift verdeckt statt diagnostiziert.
- Eine pauschale Aufwärmzeit für jede Waage verwenden: Sensor, Elektronik, Mechanik und Umgebungsbedingungen unterscheiden sich.
- Nur die Wägeelektronik betrachten: Auch Wägezelle und Maschinenstruktur können thermisch driften.
- Temperaturkompensation mit Temperaturunabhängigkeit verwechseln: Restliche Temperatureinflüsse bleiben spezifiziert.
- Stillstandsanzeige als Ende der Aufwärmzeit interpretieren: Kurzzeitstabilität und langfristige thermische Drift sind unterschiedliche Größen.
- Nur den Nullpunkt prüfen: Bei hohen Genauigkeitsanforderungen sollte auch eine bekannte Referenzlast kontrolliert werden.
- Temperaturwechsel während des Betriebes ignorieren: Eine bereits aufgewärmte Waage kann durch neue thermische Bedingungen erneut driften.
- Mechanische Rohrkräfte als Elektronikdrift interpretieren: Thermische Ausdehnung kann reale zusätzliche Kräfte auf die Wägezellen übertragen.
- Eine hohe Displayauflösung mit hoher thermischer Stabilität gleichsetzen: Viele Anzeigestellen machen kleine Driften lediglich besser sichtbar.
SIWAREX WP231 und WL230 für industrielle Wägesysteme
Eine konkrete Wägeelektronik für industrielle Waagen ist die Siemens SIWAREX WP231.
Die WP231 ist für den Anschluss von Wägezellen beziehungsweise DMS-Vollbrücken ausgelegt und kann sowohl in SIMATIC S7-1200 integriert als auch unabhängig von einer SIMATIC-CPU betrieben werden.
Für Diagnose und Inbetriebnahme stehen unter anderem SIWATOOL sowie umfangreiche Diagnosefunktionen zur Verfügung. Besonders hilfreich für das hier behandelte Thema ist die Möglichkeit, Gewichtsverläufe beziehungsweise Signaländerungen über eine Trace-Funktion zu beobachten.
Damit kann beispielsweise kontrolliert werden, ob sich der Nullwert nach dem Einschalten:
kontinuierlich verändert → langsamer verändert → stabilisiert
oder ob unregelmäßige Sprünge auftreten, die eher auf ein anderes Problem hinweisen.
Als passende industrielle Wägezelle kann beispielsweise die SIWAREX WL230 SB-S CA eingesetzt werden.
Die Scherstabwägezelle ist je nach Ausführung für Nennlasten von 100 kg bis 10 t erhältlich und steht in den Genauigkeitsklassen C3, C4 beziehungsweise C5 zur Verfügung.
Die Kombination aus geeigneter Wägezelle und leistungsfähiger Wägeelektronik bildet jedoch nur einen Teil der Messkette. Für hohe Genauigkeit bleiben mechanische Krafteinleitung, Temperaturbedingungen, Verkabelung und ein reproduzierbarer Betriebszustand ebenso wichtig.
Weitere Informationen finden Sie bei der SIWAREX WP231 Wägeelektronik, der SIWAREX WL230 SB-S CA Wägezelle sowie unter Kraft-, Wäge- und Wegmesstechnik bei ICS Schneider.
Fazit
Eine Waage kann unmittelbar nach dem Einschalten bereits plausible Gewichtswerte liefern und trotzdem noch nicht ihre endgültige thermische Stabilität erreicht haben.
Wägeelektronik, Referenzspannung, Verstärker und A/D-Wandler erwärmen sich nach dem Einschalten. Gleichzeitig wird die DMS-Brücke der Wägezelle gespeist und auch der Sensor kann sich geringfügig thermisch verändern.
Darüber hinaus beeinflusst die Temperatur die mechanische Konstruktion. Behälter, Plattformen, Auflager und Rohrleitungen können sich ausdehnen und dadurch reale Zusatzkräfte auf die Wägezellen übertragen.
Eine universelle Aufwärmzeit lässt sich deshalb nicht sinnvoll für jedes Wägesystem angeben. Herstellervorgaben sind zu beachten; zusätzlich sollte die tatsächliche Nullpunkt- und gegebenenfalls Spannestabilität unter den realen Betriebsbedingungen überprüft werden.
Eine sofortige Nullstellung kann thermische Drift kurzfristig verdecken, beseitigt aber ihre Ursache nicht. Besonders vor Justage und hochgenauen Messungen sollte das System einen ausreichend stabilen Zustand erreicht haben.
Für eine reproduzierbare Wägemessung gilt deshalb: Elektronik und Wägezelle einschalten, die komplette Messkette unter realistischen Temperaturbedingungen stabilisieren lassen, den Nullwert über die Zeit beobachten und erst bei ausreichender Stabilität nullstellen, justieren oder hochgenau messen.
FAQ: Aufwärmzeit von Wägeelektronik und Wägezelle
Warum driftet eine Waage nach dem Einschalten?
Elektronische Bauteile, Referenzspannungen, Messverstärker, DMS-Brückenspeisung, Wägezelle und mechanische Konstruktion verändern sich während der thermischen Stabilisierung geringfügig. Diese Änderungen können als Nullpunktdrift sichtbar werden.
Muss eine Wägezelle überhaupt aufwärmen?
Eine DMS-Wägezelle wird durch ihre Brückenspeisung geringfügig elektrisch belastet und kann sich dabei thermisch verändern. Zusätzlich muss sich der Sensor an die Umgebungstemperatur beziehungsweise die Temperatur der Wägekonstruktion angleichen.
Wie lange muss Wägeelektronik aufwärmen?
Dafür gibt es keinen universellen Wert. Maßgeblich sind die Herstellerangaben sowie die tatsächlich benötigte Stabilität des kompletten Wägesystems unter den jeweiligen Betriebsbedingungen.
Kann ich die Waage direkt nach dem Einschalten nullstellen?
Technisch kann eine Nullstellung häufig möglich sein. Für präzise Messungen sollte jedoch berücksichtigt werden, dass der Nullpunkt während der anschließenden thermischen Stabilisierung weiter wandern kann.
Warum löst wiederholtes Nullstellen das Problem nicht?
Nullstellen korrigiert nur den momentan vorhandenen Offset. Wenn die thermische Drift weiterläuft, verändert sich der Nullpunkt anschließend erneut.
Wie erkenne ich, dass die Waage ausreichend stabil ist?
Der unbelastete Messwert sollte über ein definiertes Zeitfenster nur noch innerhalb eines für die Anwendung festgelegten Grenzwertes variieren. Bei hohen Genauigkeitsanforderungen kann zusätzlich eine bekannte Prüflast kontrolliert werden.
Ist eine Stillstandsanzeige dasselbe wie thermische Stabilität?
Nein. Stillstand beschreibt typischerweise die kurzfristige Änderung des Gewichtswertes. Ein Signal kann kurzfristig vollkommen ruhig sein und über einen längeren Zeitraum dennoch langsam thermisch driften.
Kann nur die Elektronik für die Drift verantwortlich sein?
Nein. Neben Verstärker und A/D-Wandler können die Wägezelle selbst sowie Plattform, Behälter, Rohrleitungen und Montageelemente temperaturabhängige Änderungen verursachen.
Warum sollte man vor der Kalibrierung warten?
Eine Kalibrierung beziehungsweise Justage sollte einen reproduzierbaren Betriebszustand abbilden. Wird während eines thermischen Einschwingvorganges justiert, kann sich die Messkennlinie anschließend erneut verändern.
Kann die Waage auch nach abgeschlossener Aufwärmphase wieder driften?
Ja. Neue Temperaturänderungen durch Sonneneinstrahlung, Prozessmedium, Reinigung, Hallentore oder Maschinenwärme können erneut eine thermische Veränderung der Messkette verursachen.
Wie kann ich feststellen, ob Elektronik oder Wägezelle driftet?
Die Elektronik kann mit einem stabilen simulierten DMS- beziehungsweise mV/V-Signal geprüft werden. Bleibt dieses stabil, während die reale Wägezelle driftet, wird eine Ursache außerhalb der reinen Eingangselektronik wahrscheinlicher.
Welche Wägeelektronik eignet sich für eine industrielle Wägezelle?
Ein konkretes Beispiel ist die Siemens SIWAREX WP231. Sie verarbeitet DMS-Wägezellensignale, kann in SIMATIC S7-1200 integriert oder stand-alone eingesetzt werden und bietet Diagnose- sowie Trace-Funktionen für die Analyse des Gewichtsverlaufs.
