Ein Kalibrierergebnis liegt innerhalb der vorgegebenen Toleranz. Darf das Prüfmittel deshalb automatisch als bestanden gekennzeichnet werden? Diese Frage lässt sich nicht allein anhand der gemessenen Abweichung beantworten. Je näher das Ergebnis an einer Toleranzgrenze liegt, desto stärker beeinflusst die Messunsicherheit die Verlässlichkeit der Pass/Fail-Entscheidung.
Ohne festgelegte Entscheidungsregel können identische Kalibrierwerte unterschiedlich bewertet werden. Ein Labor kennzeichnet das Gerät als bestanden, weil die gemessene Abweichung noch innerhalb der Toleranz liegt. Ein anderes Labor berücksichtigt zusätzlich die Messunsicherheit und verweigert die eindeutige Konformitätsaussage.
Guardbanding schafft hierfür eine definierte Annahmegrenze innerhalb der eigentlichen Toleranz. Dadurch wird das Risiko reduziert, ein tatsächlich nicht konformes Prüfmittel fälschlicherweise freizugeben. Gleichzeitig steigt jedoch das Risiko, ein möglicherweise noch konformes Gerät zurückzuweisen.
Geeignete Referenzgeräte und Kalibratoren finden Sie im Bereich Kalibriertechnik. Softwarelösungen für Prüfabläufe, Toleranzbewertungen und dokumentierte Kalibrierprozesse sind unter Kalibriersoftware zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
- Warum ist eine Pass/Fail-Entscheidung nicht immer eindeutig?
- Toleranz, Messabweichung und Messunsicherheit unterscheiden
- Was ist eine Entscheidungsregel?
- Einfache Annahme ohne Guardband
- Wie funktioniert Guardbanding?
- Verbraucher- und Produzentenrisiko verstehen
- Welche Bedeutung hat das TUR?
- Binäre und nicht binäre Konformitätsaussagen
- Praktische Berechnungsbeispiele
- Wie wird eine geeignete Entscheidungsregel ausgewählt?
- Entscheidungsregeln nach ISO/IEC 17025
- Dokumentation und Kalibriersoftware
- Typische Fehler bei Guardbanding und Pass/Fail
- Praxisbeispiel: Digitalmanometer an der Toleranzgrenze
- Empfohlener Ablauf für das Prüfmittelmanagement
- Welche Produkte und Lösungen eignen sich?
- Fazit
- Häufige Fragen
Warum ist eine Pass/Fail-Entscheidung nicht immer eindeutig?
Bei einer Kalibrierung wird der angezeigte Wert eines Prüfmittels mit einem Referenzwert verglichen. Aus diesem Vergleich ergibt sich eine Messabweichung. Zusätzlich wird dem Ergebnis eine Messunsicherheit zugeordnet.
Die Messabweichung ist damit nicht als vollkommen exakter Wert zu verstehen. Das tatsächliche Ergebnis kann innerhalb eines Unsicherheitsbereichs liegen. Befindet sich die gemessene Abweichung weit innerhalb der Toleranz, ist die Bewertung meist unkritisch. In der Nähe der Toleranzgrenze kann der Unsicherheitsbereich jedoch teilweise außerhalb der zulässigen Spezifikation liegen.
Ohne Entscheidungsregel bleiben wichtige Fragen offen:
- Reicht es aus, dass der gemessene Zentralwert innerhalb der Toleranz liegt?
- Muss der vollständige Unsicherheitsbereich innerhalb der Toleranz liegen?
- Wie groß soll der Sicherheitsabstand zur Toleranzgrenze sein?
- Ist nur „bestanden“ oder „nicht bestanden“ zulässig?
- Darf ein grenznahes Ergebnis als nicht eindeutig bewertet werden?
Diese Fragen sollten vor der Kalibrierung geklärt werden und nicht erst dann, wenn ein Ergebnis unmittelbar an der Grenze liegt.
Toleranz, Messabweichung und Messunsicherheit unterscheiden
Toleranzgrenze
Die Toleranz legt fest, wie stark ein Prüfmittel oder ein Produkt vom Sollwert abweichen darf. Sie kann sich aus einer Herstellerangabe, Prozessanforderung, Kundenspezifikation, internen QM-Vorgabe oder einer technischen Regel ergeben.
Beispiel: Ein Digitalmanometer darf bei 100 bar maximal um ±1,0 bar abweichen. Die obere Toleranzgrenze liegt damit bei +1,0 bar und die untere bei −1,0 bar.
Messabweichung
Die Messabweichung ist die Differenz zwischen dem vom Prüfmittel angezeigten Wert und dem zugehörigen Referenzwert. Die genaue Vorzeichenkonvention muss eindeutig festgelegt sein.
Zeigt das Manometer bei einem Referenzdruck von 100,00 bar einen Wert von 100,70 bar an, beträgt die Abweichung bei dieser Konvention +0,70 bar.
Messunsicherheit
Die Messunsicherheit beschreibt den dem Ergebnis zugeordneten Unsicherheitsbereich. Auf Kalibrierscheinen wird häufig eine erweiterte Messunsicherheit U angegeben, beispielsweise mit einem Erweiterungsfaktor von ungefähr k = 2.
Messabweichung und Messunsicherheit dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Die Abweichung beschreibt das festgestellte Messergebnis. Die Unsicherheit beschreibt, wie eindeutig dieses Ergebnis bestimmt werden konnte.
Was ist eine Entscheidungsregel?
Eine Entscheidungsregel beschreibt, wie Messunsicherheit und Toleranz bei einer Konformitätsaussage berücksichtigt werden. Sie legt fest, unter welchen Bedingungen ein Ergebnis als konform, nicht konform oder gegebenenfalls als nicht eindeutig eingestuft wird.
Eine vollständige Entscheidungsregel sollte mindestens festlegen:
- welche Toleranz beziehungsweise Spezifikation gilt,
- welche Messunsicherheit verwendet wird,
- ob ein Guardband angewendet wird,
- wie groß der Guardband ist,
- ob binäre oder mehrstufige Aussagen zulässig sind,
- wie Ergebnisse exakt auf einer Grenze behandelt werden,
- ob die Regel für jeden Messpunkt oder für das gesamte Gerät gilt.
Die Aussage „Messunsicherheit wird berücksichtigt“ reicht nicht aus. Es muss nachvollziehbar sein, wie sie in die Annahme- und Ablehnungsgrenzen eingeht.
Einfache Annahme ohne Guardband
Bei einer einfachen Annahmeregel stimmen Annahmegrenze und Toleranzgrenze überein. Ein Prüfmittel gilt als bestanden, wenn die gemessene Abweichung innerhalb der Toleranz liegt.
Bei einer symmetrischen Toleranz von ±1,0 bar gilt beispielsweise:
Bestanden, wenn |Abweichung| ≤ 1,0 bar
Eine gemessene Abweichung von +0,95 bar würde damit als bestanden bewertet, unabhängig davon, ob die erweiterte Messunsicherheit 0,05 bar oder 0,30 bar beträgt.
Diese Regel ist einfach und transparent. Sie enthält jedoch ein geteiltes Risiko: In Grenznähe kann das Prüfmittel tatsächlich außerhalb der Toleranz liegen, obwohl der gemessene Zentralwert noch innerhalb der Grenze liegt.
Eine einfache Annahme ist nicht grundsätzlich falsch. Sie muss jedoch bewusst gewählt, dokumentiert und für die jeweilige Anwendung akzeptiert werden.
Wie funktioniert Guardbanding?
Beim Guardbanding wird die Annahmegrenze gegenüber der eigentlichen Toleranzgrenze nach innen verschoben. Zwischen beiden Grenzen entsteht ein Sicherheitsbereich, der Guardband.
Für eine symmetrische Toleranz kann vereinfacht gelten:
Annahmegrenze A = Toleranzgrenze T − Guardband w
Ein Prüfmittel wird dann nur eindeutig als bestanden bewertet, wenn:
|Abweichung| ≤ A
Der Guardband kann unterschiedlich festgelegt werden, beispielsweise:
- gleich der erweiterten Messunsicherheit: w = U,
- als Anteil der Messunsicherheit: w = r × U,
- als fester technischer Sicherheitsabstand,
- auf Basis einer festgelegten maximalen Fehlentscheidungswahrscheinlichkeit,
- nach einer vorgegebenen Branchen- oder Kundenvorschrift.
Welche Variante verwendet wird, muss aus der Entscheidungsregel hervorgehen. Es darf nicht stillschweigend angenommen werden, dass Guardbanding immer automatisch Toleranz minus U bedeutet.
Verbraucher- und Produzentenrisiko verstehen
Verbraucherrisiko
Das Verbraucherrisiko ist das Risiko, ein tatsächlich nicht konformes Prüfmittel oder Produkt fälschlicherweise anzunehmen. In der Praxis bedeutet dies beispielsweise, dass ein Manometer freigegeben wird, obwohl seine tatsächliche Abweichung bereits außerhalb der zulässigen Grenze liegt.
Ein nach innen verschobener Annahmebereich reduziert dieses Risiko.
Produzentenrisiko
Das Produzentenrisiko ist das Risiko, ein tatsächlich konformes Prüfmittel oder Produkt fälschlicherweise zurückzuweisen. Je größer der Guardband gewählt wird, desto häufiger können Geräte abgelehnt oder justiert werden, obwohl ihr tatsächlicher Wert noch innerhalb der Toleranz liegt.
Guardbanding beseitigt das Entscheidungsrisiko daher nicht vollständig. Es verschiebt die Risikoverteilung:
- größerer Guardband: geringeres Verbraucherrisiko, höheres Produzentenrisiko,
- kleinerer Guardband: höheres Verbraucherrisiko, geringeres Produzentenrisiko.
Die passende Gewichtung hängt von den Folgen einer Fehlentscheidung ab. Bei sicherheitskritischen Prüfungen kann eine fälschliche Freigabe deutlich schwerer wiegen als eine zusätzliche Justage. Bei teuren Bauteilen mit unkritischer Funktion kann eine unnötige Zurückweisung wirtschaftlich besonders relevant sein.
Welche Bedeutung hat das TUR?
Das Test Uncertainty Ratio, kurz TUR, beschreibt das Verhältnis zwischen zulässiger Toleranz und Messunsicherheit. Bei einer symmetrischen Einzeltoleranz kann vereinfacht verwendet werden:
TUR = Toleranzgrenze T / erweiterte Messunsicherheit U
Beispiel:
- Toleranz: ±1,0 bar,
- erweiterte Messunsicherheit: 0,25 bar,
- TUR: 1,0 / 0,25 = 4.
Das Verhältnis beträgt somit 4:1. Die Messunsicherheit entspricht einem Viertel der zulässigen Abweichung.
Ein höheres TUR erleichtert eine sichere Entscheidung, weil die Messunsicherheit im Verhältnis zur Toleranz kleiner ist. Ein niedriges TUR führt dagegen zu einem großen Grenzbereich, in dem Konformitätsaussagen schwierig werden.
TUR ist jedoch keine vollständige Entscheidungsregel. Auch bei einem Verhältnis von 4:1 muss festgelegt werden, ob ohne Guardband, mit einem Guardband von U oder nach einer risikobasierten Methode bewertet wird.
Außerdem muss dokumentiert werden, welche Größen im Verhältnis verwendet werden. Unterschiedliche Organisationen können mit Einzeltoleranzen, vollständigen Toleranzbreiten, Standardunsicherheiten oder erweiterten Unsicherheiten arbeiten.
Binäre und nicht binäre Konformitätsaussagen
Binäre Entscheidungsregel
Bei einer binären Regel gibt es nur zwei Ergebnisse:
- konform beziehungsweise bestanden,
- nicht konform beziehungsweise nicht bestanden.
Wird ein Guardband angewendet, können Werte innerhalb der eigentlichen Toleranz bereits als nicht bestanden bewertet werden, wenn sie außerhalb der engeren Annahmegrenze liegen.
Nicht binäre Entscheidungsregel
Eine nicht binäre Regel kann zusätzliche Bewertungsbereiche vorsehen:
- eindeutig konform,
- bedingt konform oder nicht eindeutig,
- bedingt nicht konform oder nicht eindeutig,
- eindeutig nicht konform.
Diese Darstellung zeigt dem Anwender, dass der gemessene Wert zwar innerhalb oder außerhalb der Toleranz liegt, die Messunsicherheit aber keine eindeutige Aussage erlaubt.
Nicht binäre Aussagen können fachlich sehr transparent sein. Sie sind jedoch nur sinnvoll, wenn der Empfänger weiß, welche betriebliche Entscheidung aus einem nicht eindeutigen Ergebnis folgen soll.
Praktische Berechnungsbeispiele
Ein Digitalmanometer besitzt eine zulässige Messabweichung von ±1,0 bar. Die Kalibrierung weist am betrachteten Messpunkt eine erweiterte Messunsicherheit von 0,20 bar aus.
Beispiel 1: Ergebnis weit innerhalb der Grenze
- gemessene Abweichung: +0,50 bar,
- Toleranzgrenze: +1,00 bar,
- Guardband: 0,20 bar,
- Annahmegrenze: +0,80 bar.
Die Abweichung liegt sowohl innerhalb der Toleranz als auch innerhalb der Annahmegrenze. Das Ergebnis ist nach dieser Regel eindeutig bestanden.
Beispiel 2: Innerhalb der Toleranz, aber außerhalb der Annahmegrenze
- gemessene Abweichung: +0,90 bar,
- Toleranzgrenze: +1,00 bar,
- Annahmegrenze: +0,80 bar.
Bei einfacher Annahme wäre das Ergebnis bestanden. Bei einer binären Guardband-Regel mit w = U wäre es nicht bestanden. Bei einer nicht binären Regel könnte es als grenznah beziehungsweise nicht eindeutig eingestuft werden.
Beispiel 3: Messwert außerhalb der Toleranz
- gemessene Abweichung: +1,10 bar,
- erweiterte Messunsicherheit: 0,20 bar.
Der Zentralwert liegt außerhalb der Toleranz. Bei einer binären Regel ist das Ergebnis nicht bestanden. Eine mehrstufige Regel kann zusätzlich kennzeichnen, dass der Unsicherheitsbereich die Toleranzgrenze noch überlappt. Für die betriebliche Freigabe bleibt dennoch die vereinbarte Entscheidungsregel maßgeblich.
Wie wird eine geeignete Entscheidungsregel ausgewählt?
Es gibt keine einzelne Guardband-Regel, die für jede Anwendung optimal ist. Die Auswahl sollte risikobasiert erfolgen.
Wichtige Fragen sind:
- Welche Folgen hätte die Freigabe eines tatsächlich nicht konformen Prüfmittels?
- Welche Kosten entstehen durch eine unnötige Ablehnung oder Justage?
- Wie groß ist die Toleranz der Anwendung?
- Welche Messunsicherheit kann das Kalibrierverfahren erreichen?
- Gibt es eine Kunden-, Norm- oder Branchenvorgabe?
- Ist eine binäre Entscheidung zwingend erforderlich?
- Darf ein grenznahes Prüfmittel eingeschränkt verwendet werden?
Bei engen Toleranzen sollte zuerst geprüft werden, ob die Messunsicherheit durch eine bessere Referenz, geeignetere Messpunkte oder stabilere Bedingungen reduziert werden kann. Ein sehr großer Guardband kann sonst dazu führen, dass ein erheblicher Teil der eigentlichen Toleranz praktisch nicht mehr nutzbar ist.
Entscheidungsregeln nach ISO/IEC 17025
Wird eine Konformitätsaussage zu einer Spezifikation oder Norm verlangt, muss klar sein, welche Entscheidungsregel angewendet wird. Ist die Regel nicht bereits in der zugrunde liegenden Spezifikation enthalten, sollte sie vor der Auftragsannahme zwischen Labor und Kunde vereinbart werden.
Im Kalibrierschein beziehungsweise Prüfbericht muss nachvollziehbar sein:
- für welche Ergebnisse die Konformitätsaussage gilt,
- gegen welche Spezifikation bewertet wurde,
- welche Entscheidungsregel angewendet wurde,
- welche Aussage daraus folgt.
Die Bezeichnung „ISO/IEC-17025-Kalibrierung“ legt damit nicht automatisch eine bestimmte Guardband-Regel fest. Labor und Auftraggeber müssen klären, ob einfache Annahme, Guardbanding oder eine andere risikobasierte Regel verwendet werden soll.
Auch eine akkreditierte Kalibrierung führt nicht automatisch zu einer Pass/Fail-Aussage. Ein Kalibrierschein kann ausschließlich Messwerte, Abweichungen und Messunsicherheiten enthalten, wenn keine Konformitätsbewertung beauftragt wurde.
Dokumentation und Kalibriersoftware
Entscheidungsregeln sollten nicht nur in einer Verfahrensanweisung stehen. Sie müssen auch in Kalibrieraufträgen, Softwarevorlagen und Zertifikaten konsistent umgesetzt werden.
Eine geeignete Dokumentation enthält:
- Prüfmittel und eindeutige Identifikation,
- Messgröße und Messbereich,
- Kalibrierpunkte,
- zulässige Toleranz je Messpunkt,
- zugehörige Messunsicherheit,
- verwendete Entscheidungsregel,
- Guardband beziehungsweise Annahmegrenze,
- Konformitätsaussage je Punkt oder für das Gesamtgerät,
- As-Found- und gegebenenfalls As-Left-Ergebnisse,
- Freigabe-, Einschränkungs- oder Sperrentscheidung.
Kalibriersoftware kann die Bewertung automatisieren und verhindert unterschiedliche manuelle Berechnungen. Voraussetzung ist, dass Toleranzen, Unsicherheiten, Grenzgleichheiten und Entscheidungslogik korrekt hinterlegt und validiert wurden.
Ein grünes Pass-Symbol in einer Software ist nur so zuverlässig wie die zugrunde liegende Konfiguration. Änderungen an Vorlagen und Berechnungsregeln sollten deshalb versioniert, geprüft und freigegeben werden.
Typische Fehler bei Guardbanding und Pass/Fail
| Fehler | Mögliche Folge | Sinnvolle Maßnahme |
|---|---|---|
| Nur die Messabweichung wird betrachtet | Unsicherheit wird bei grenznahen Ergebnissen ignoriert | Abweichung, Toleranz und Messunsicherheit gemeinsam bewerten |
| Keine Entscheidungsregel vereinbart | Labor und Betreiber bewerten identische Ergebnisse unterschiedlich | Regel bereits bei der Beauftragung festlegen |
| Guardband automatisch mit U gleichgesetzt | Unbeabsichtigte oder falsche Bewertung | Berechnung und verwendete Unsicherheitsgröße dokumentieren |
| TUR als vollständige Pass/Fail-Regel verwendet | Risikoverteilung bleibt undefiniert | TUR und Entscheidungsregel getrennt festlegen |
| Toleranz des Herstellers ungeprüft übernommen | Die tatsächliche Prozessanforderung wird nicht berücksichtigt | Toleranz aus der realen Verwendung ableiten |
| Einheitlicher Guardband für alle Messpunkte | Änderungen der Messunsicherheit über den Bereich bleiben unberücksichtigt | Unsicherheit und Annahmegrenze punktbezogen berechnen |
| Konformitätsaussage für das gesamte Gerät trotz einzelner Grenzwerte | Unklare Freigabe bei gemischten Ergebnissen | Regel für Punkt- und Gesamtbewertung definieren |
| Softwareberechnung nicht validiert | Systematische Fehlbewertungen in vielen Zertifikaten | Testfälle für Pass, Grenze und Fail dokumentieren |
Praxisbeispiel: Digitalmanometer an der Toleranzgrenze
Ein Digitalmanometer mit einem Messbereich bis 400 bar wird als internes Prüfmittel verwendet. Die zulässige Abweichung beträgt ±0,5 bar. Bei 300 bar wird eine Abweichung von +0,42 bar gemessen. Die erweiterte Messunsicherheit der Kalibrierung beträgt 0,12 bar.
Bei einfacher Annahme wäre das Manometer bestanden, da +0,42 bar innerhalb der Toleranz von +0,50 bar liegt.
Das Unternehmen hat jedoch für qualitätsrelevante Prüfmittel eine Guardband-Regel mit w = U festgelegt:
Annahmegrenze = 0,50 bar − 0,12 bar = 0,38 bar
Die gemessene Abweichung von +0,42 bar überschreitet die Annahmegrenze. Das Gerät erhält deshalb keine uneingeschränkte Freigabe.
Der Prüfmittelverantwortliche hat nun mehrere Möglichkeiten:
- Manometer justieren und erneut kalibrieren,
- Gerät für weniger kritische Anwendungen mit größerer Toleranz freigeben,
- Kalibrierung mit geringerer Messunsicherheit wiederholen,
- Gerät sperren oder ersetzen.
Die Entscheidung wird zusammen mit As-Found-Wert, Entscheidungsregel und vorgesehenem Einsatzbereich dokumentiert. Dadurch bleibt auch im Audit nachvollziehbar, warum ein formal innerhalb der Herstellertoleranz liegendes Gerät nicht uneingeschränkt freigegeben wurde.
Empfohlener Ablauf für das Prüfmittelmanagement
- Reale Toleranz aus Prozess, Produkt und Qualitätsanforderung bestimmen.
- Geeignete Messpunkte und relevanten Arbeitsbereich festlegen.
- Maximal akzeptable Messunsicherheit definieren.
- TUR für das vorgesehene Verfahren berechnen.
- Folgen von falscher Annahme und falscher Ablehnung bewerten.
- Binäre oder nicht binäre Entscheidungsregel auswählen.
- Guardband und Grenzgleichheit eindeutig festlegen.
- Regel mit dem Kalibrierlabor abstimmen.
- Softwarevorlagen und Zertifikate entsprechend konfigurieren.
- Berechnung mit bekannten Testfällen validieren.
- As-Found- und As-Left-Werte getrennt bewerten.
- Freigabe, Einschränkung, Justage oder Sperrung dokumentieren.
- Entscheidungsregel bei geänderten Prozessen oder Toleranzen überprüfen.
Welche Produkte und Lösungen eignen sich?
Kalibriertechnik
Die Kategorie Kalibriertechnik umfasst Referenzmessgeräte, Kalibratoren und Prüfaufbauten für Druck, Temperatur, elektrische Signale, Feuchte und weitere Messgrößen.
Eine geeignete Referenz mit ausreichend kleiner Messunsicherheit verbessert das TUR und verkleinert den Bereich, in dem eine eindeutige Konformitätsentscheidung schwierig ist.
Kalibriersoftware
Im Bereich Kalibriersoftware stehen Lösungen für Prüfmittelverwaltung, geführte Kalibrierabläufe, Toleranzbewertung und Zertifikatserstellung zur Verfügung.
Je nach Software und Konfiguration können Messpunkte, Toleranzschemata, Unsicherheiten, As-Found-/As-Left-Ergebnisse und Bewertungslogiken in wiederverwendbaren Vorlagen hinterlegt werden.
WIKA-Cal
Die Kalibriersoftware WIKA-Cal unterstützt die Erstellung von Kalibrierzeugnissen und Loggerprotokollen für Druckmessgeräte. In Verbindung mit geeigneten Referenzgeräten und Druckcontrollern können Kalibrierabläufe automatisiert und Ergebnisse strukturiert dokumentiert werden.
4Sight2
4Sight2 unterstützt die Verwaltung von Prüfmitteln, Kalibrierplänen, Prozeduren und Ergebnissen. Dadurch lassen sich wiederkehrende Kalibrierungen mit einheitlichen Vorgaben und nachvollziehbarer Historie durchführen.
Die fachliche Entscheidungsregel muss auch bei automatisierter Auswertung vom Betreiber beziehungsweise Auftraggeber festgelegt werden. Die Software setzt die Regel um, ersetzt aber nicht die Risikobewertung.
Fazit: Guardbanding macht das Entscheidungsrisiko sichtbar und beherrschbar
Ein Messergebnis innerhalb der Toleranz ist nicht automatisch eindeutig konform. In Grenznähe muss berücksichtigt werden, dass die tatsächliche Abweichung aufgrund der Messunsicherheit auf beiden Seiten des gemessenen Wertes liegen kann.
Eine Entscheidungsregel legt fest, wie mit diesem Risiko umgegangen wird. Beim Guardbanding wird die Annahmegrenze nach innen verschoben, um das Risiko einer fälschlichen Freigabe zu reduzieren. Gleichzeitig steigt das Risiko einer unnötigen Ablehnung.
Die passende Regel hängt von Toleranz, Messunsicherheit, TUR, Prozessrisiko und wirtschaftlichen Folgen ab. Es gibt daher keinen universell richtigen Guardband für alle Prüfmittel.
Entscheidend sind eine klare Vereinbarung vor der Kalibrierung, eine nachvollziehbare Berechnung und eine eindeutige Dokumentation im Kalibrierschein und Prüfmittelmanagement. Nur dann ist eine Pass/Fail-Aussage technisch belastbar und im Audit reproduzierbar.
Häufige Fragen zu Guardbanding bei Kalibrierungen
Was bedeutet Guardbanding?
Guardbanding bedeutet, dass die Annahmegrenze innerhalb der eigentlichen Toleranz liegt. Dadurch wird ein Sicherheitsabstand zur Toleranzgrenze geschaffen.
Muss bei jeder Kalibrierung ein Guardband angewendet werden?
Nein. Die Entscheidungsregel kann auch eine einfache Annahme ohne Guardband vorsehen. Wichtig ist, dass die Regel zur Anwendung passt, vereinbart und dokumentiert ist.
Ist Toleranz minus Messunsicherheit immer die richtige Annahmegrenze?
Nein. Dies ist eine mögliche Regel, aber keine allgemeingültige Vorgabe. Der Guardband kann auch nur einen Anteil der Unsicherheit, einen festen Wert oder eine risikobasiert berechnete Größe verwenden.
Was bedeutet TUR 4:1?
Bei der verwendeten Definition ist die zulässige Toleranz viermal so groß wie die Messunsicherheit. Das verbessert die Aussagekraft der Kalibrierung, definiert aber noch keine Pass/Fail-Regel.
Kann ein Wert innerhalb der Toleranz als nicht bestanden gelten?
Ja. Bei einer binären Guardband-Regel kann ein Wert zwischen Annahmegrenze und Toleranzgrenze als nicht bestanden bewertet werden.
Was ist das Verbraucherrisiko?
Es ist das Risiko, ein tatsächlich nicht konformes Prüfmittel oder Produkt fälschlicherweise anzunehmen beziehungsweise freizugeben.
Was ist das Produzentenrisiko?
Es ist das Risiko, ein tatsächlich konformes Prüfmittel oder Produkt fälschlicherweise abzulehnen.
Schreibt ISO/IEC 17025 einen bestimmten Guardband vor?
Nein. Die Norm verlangt bei Konformitätsaussagen eine definierte Entscheidungsregel, legt aber nicht für jede Anwendung einen einheitlichen Guardband fest.
Muss die Entscheidungsregel im Kalibrierschein stehen?
Bei einer Konformitätsaussage muss nachvollziehbar sein, welche Spezifikation und welche Entscheidungsregel für die Bewertung verwendet wurden.
Kann Kalibriersoftware Guardbanding automatisch berechnen?
Ja, sofern die verwendete Software dies unterstützt und Toleranzen, Messunsicherheiten sowie Entscheidungsregeln korrekt hinterlegt wurden. Die Konfiguration muss überprüft und validiert werden.
